370 Einsatzkräfte proben am Samstag in Frankfurt den Ernstfall
Frankfurt – Es ist der zweite große Knall, der dem Nachmittag etwas Unheilvolles verleiht. Zuvor war die Übung „Frankopia“ der Frankfurter Rettungseinrichtungen relativ unspektakulär verlaufen. Das Szenario: Es hat einen Drohnenanschlag gegeben auf den Güterverkehr an der östlichen Hanauer Landstraße, am Bahnbetriebswerk Hafenbahn, zwischen Lahmeyer Brücke und dem großen Baumarkt. Mit Blaulicht und Sirenen treffen Feuerwehr, technisches Hilfswerk und Rettungswagen bei der Anschlagsstelle ein. Ein erster Trupp erkundet die Lage. Dann geht alles seinen Gang. Die Wehr löscht, die Rettung versortge Verletzte, das THW versucht, die Besucher einer fiktiven Diskothek zu befreien.
Dann knallt es erneut. Einen Second Hit, eine zweite Angriffswelle. Diesmal steigt eine schwarze Rauchwolke auf, formiert sich am Himmel erstaunlicherweise zu einem fiesen Ring, als würde jemand Späße mit einer Riesenzigarre treiben. Nun kommt Schwung ins Geschehen. Man spürt fast den Schweiß, der durch die Monturen sickert. Selbst den gut gelaunten Gästen wird im hellen Sonnenschein ein bisschen mulmig zumute. Aus sicherer Entfernung begutachtet der Tross die Übung. Stadtverordnete sind dabei, Martin Rößler, Staatssekretär im Hessischen Innenministerium, der städtische Sicherheitsdezernent Martin-Benedikt Schäfer, eine Delegation des Zivilschutzes aus der Ukraine und noch ein paar mehr.
Die Gruppe muss Warnwesten tragen. Es sei schon vorgekommen, dass Gäste einer Übung sich in einem Krankenwagen wiederfanden, weil sie nicht als Gäste zu erkennen waren, scherzt der Einsatzleiter. Mehr als beeindruckend findet Schäfer, dass die Einsatzkräfte über Nacht probten. Alle seien ehrenamtlich aktiv und opferten viel von ihrer Freizeit. „Ich weiß mich in guten Händen.“
Es kommt viel rote Farbe zum Einsatz
Die Einsatzkräfte stecken derweil im puren Stress. Die zweite Attacke hat die Helfer vor Ort getroffen. Feuerwehrleute legen sich auf den Boden, die Helme mit roter Farbe beschmiert. Eine Frau krabbelt in ein Gebüsch am Bahndamm. Sie hat einen Unterschenkel verloren. Genauer gesagt hat sie das Bein angewinkelt und einen künstlichen Schenkel daneben gelegt, garniert mit viel roter Farbe. Unheimlich sieht das aus.
Mittendrin steht Norbert Klein, der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Frankfurter Hilfsorganisationen, und reibt sich die Hände. Nicht, weil er gemein wäre. Aber weil sein Szenario so gut aufgeht. Auch das Wetter spielt mit. Bei Regen könne man zwar auch retten, dann würden aber die Zeltunterkünfte so schmutzig. Nicht alles funktioniert. Am Freitag hat man an den Containern der Hafenanlage geprobt. Da waren echte Arbeiter vor Ort, die wegen des Niedrigwassers auf dem Rhein wochenends Rückstände abbauen mussten. Als es knallte, seien sie zunächst erschrocken, spielten dann aber mit. Kollateralschäden.
Seit 20 Jahren gibt es wieder Großübungen in der Stadt. Sie müssen immer mal wieder an reale Bedrohungen angepasst werden. Der Drohnenangriff sei topaktuell, jetzt, nach den Vorfällen am Flughafen Leipzig. Dabei habe er sich das Szenario bereits vor zwei, drei Jahren ausgedacht, sagt Klein. Vor sechs Jahren, schätzt er, hätte ihn die Führungsriege der Rettungseinrichtungen wohl noch zum Rapport einbestellt, wegen zu viel Science-Fiction.
Ziel des Angriffs sind Einrichtungen der Infrastruktur: Energieversorgung und Transport. Dabei treffen fehlgeleitete Drohnen auch Objekte, die eigentlich kein Ziel darstellen. Unter Schock stehende Betroffene suchen Schutz an verschiedenen Stellen und müssen durch die Rettungskräfte gefunden und betreut werden.
Die Übung ist herausfordernd. Sie erstreckt sich über 24 Stunden, von Freitag, 19 Uhr, bis Samstag, 19 Uhr. Die teilnehmenden Kräfte von THW, Freiwilliger Feuerwehr und den Rettungsdiensten Malteser, ASB, DRK, Johanniter und der Rettungshundestaffel, sind die ganze Zeit vor Ort. Selbst das DLRG macht mit, aber nur zur Sicherheit, falls jemand ins Hafenbecken fällt. Teil der Übung ist das nicht, das war vergangenes Jahr Thema.
Der Einsatz ist der Abschluss einer ganzen Woche. Seit Montag trainieren städtische Ämter, Feuerwehr, Polizei, Hilfsorganisationen und medizinische Partner gemeinsam den Umgang mit komplexen und hybriden Einsatzlagen. Bei der nächsten Übung kommenden März soll noch die Bundeswehr dabei sein.
Die Stimmung ist erstaunlicherweise gut. „Let’s get ready to rumble“, ruft einer begeistert bei der Abschlussrunde vor dem Einsatz am Samstag. Ein wenig geschummelt ist die Übung ja. Die Helfer rücken von einem Sammelpunkt aus. Würden sie an ihrer jeweiligen Wache starten, könnte alles Mögliche passieren. „Sie kennen die Frankfurter Verkehrsverhältnisse“, sagt Klein.
Rund 370 Einsatzkräfte sind am Start, bekommen zwar zwischendurch etwas zu essen und dürfen sich ausruhen. Langweilig wird ihnen aber nicht. Dafür sorgen etwa 80 Darsteller, die als Verletzte im Gelände liegen oder auch mal als Störenfriede agieren. Ein paar spielen sehr renitente Schutzsuchende, die nicht einsehen wollen, dass sie schutzbedürftig sind. Die halten die Kräfte ganz schön auf Trab, wie sie übers Gelände wanken und pöbeln.
Eine gewisse Überforderung ist geplant, verrät Klein. Es sitzen mehr Verletzte fest, als gedacht, es ist zu wenig Rettung vor Ort. Die Hanauer am Samstag ist die Pest. Aber in Wirklichkeit läuft eine Katastrophe auch nicht glatt. Und die Kräfte müssen erkennen, dass sie selbst Opfer sind. Das gelte es auch erst mal zu verkraften.
Am Himmel surrt die Beobachterdrohne
Einsatzfahrzeuge sind 85 beteiligt. Das dürfte alle Menschen interessieren, die am Samstag auf der Hanauer Landstraße mehr im Stau stehen als sonst. Aber die Polizei muss den Einsatzort erst freigeben. So lange steckt die Rettung auf der Hanauer. Könnten ja noch mehr Drohnen umherschnwirren. Tatsächlich sind zwei als Beobachterinnen in der Luft. Ihr stetes Surren wirkt so gar nicht beruhigend.
Die Verzahnung verschiedener Einheiten mache den Ablauf komplex, sagt Klein. So ist der Aufbau einer Führungsorganisation ebenso Teil der Übung. Das läuft während des Einsatzes parallel zur Entwicklung, so können Nachwuchskräfte erste Erfahrungen im Einsatzführungsdienst sammeln. Man nutzt dafür das Areal neben der Wasserschutzpolizei am Osthafen.
An den Bahngleisen an der Hanauer ist derweil geordnetes Chaos zu bestaunen. 13.30 Uhr fällt der Startschuss für den Einsatz, gegen 17 Uhr ist es vorbei. Alle Feuer sind gelöscht, alle Verletzten versorgt. Der entgleiste Wagen des Zuges ist wieder auf der Schiene. Die Disco geräumt. Selbst die Dame mit der Mistgabel ist inzwischen entwaffnet und befriedet. Bis März zumindest.GEORGE GRODENSKY